Die Kapelle stand oberhalb der Villa, auf einem flachen Vorsprung aus hellem Stein, der im Mondlicht wie Knochen aussah.
Der Weg dorthin war kurz, aber in dieser Nacht schien er länger als jede Schiffsreise zwischen Australien und England. Der Wind kam vom Meer herauf und fuhr zwischen die Zypressen, als wolle er die ganze Insel schreien lassen, was das Haus verschwieg. Niemand ging allein. Wolfgang ging vorn, Sun etwas seitlich versetzt, Vittorio hinter ihnen, die übrigen in einer unregelmäßigen Prozession, die weder Familie noch Gesellschaft noch Fluchtgruppe war.
Brian trug das kastanienfarbene Kissen vor sich wie ein sehr zweifelhaftes Textil.
„Ich möchte festhalten, dass ich noch nie nackt mit einem Polster vor einer Kapelle gestanden bin, und ich habe in meinem Leben durchaus Ehrgeiz gezeigt. Ich werde mich trotzdem benehmen, weil sogar ich erkenne, dass diese Nacht einen Punkt erreicht hat, an dem Respekt nicht mehr mit Anstand verwechselt werden sollte. Sollte Gott heute Dienst haben, darf er mir allerdings später erklären, warum er als dramatische Effekte einen Luchs, ein Barbiturat und fehlende Kleidung einsetzt.“
Justin sah ihn an, aber diesmal nur mehr mit einem kaum fühlbaren Vorwurf. Emmett, noch immer in seinen Teppich gehüllt, nickte mit feierlicher Zustimmung, als sei Brian bereits zum Patron der peinlich Überlebenden erhoben worden.
Vittorio schloss die Kapelle auf.
Innen war es kühler als draußen. Die Luft roch nach Wachs, trockenem Stein, altem Holz und jenem feinen Metallton, den Kapellen manchmal besitzen, wenn Kelche, Leuchter und Gitter jahrzehntelang mehr Gebete gehört haben als Menschen. Der Raum war im Stil der Neorenaissance, aber nicht prahlerisch: Pilaster mit vergoldeten Kapitellen, ein Kassettengewölbe, dunkelgrüne Marmorsockel, Wandfelder mit gemalten Girlanden und lateinischen Spruchbändern, deren Gold im schwachen Licht nur gelegentlich aufflammte.
Der Hauptaltar war dem heiligen Hippolyt von Rom geweiht. Über ihm stand der Märtyrer nicht als gebrochener Greis, sondern als strenger, junger Priester mit Buch, Kette und einem Pferdegespann im Hintergrund, als habe die Kapelle die römische Legende mit dem griechischen Namen in einer einzigen Figur versöhnen wollen. Links erhob sich der Seitenaltar Maria Magdalenas: die Heilige mit offenem Haar, Salbgefäß und Augen, die weder Scham noch Liebe verleugneten. Rechts stand Sebastian, schön, durchbohrt, an einen Baum gebunden, das Gesicht nicht verzückt, sondern still vor Schmerz.
Die Frauen gingen wie von selbst nach links, zur Magdalena. Mary zuerst, dann Fiona, Meghan, Justine und Sun. Nicht einig, nicht zärtlich, aber auf derselben Seite. Die Männer nahmen die Sebastiansseite: Vittorio vor dem Altar, Wolfgang nahe am Durchgang, Lito mit gefalteten Händen, Justin neben Brian, Emmett etwas dahinter, noch immer in den Teppich gehüllt und deshalb dem heiligen Sebastian gegenüber auf eine Weise überaus unklassisch.
Justin blieb stehen, sah die Leuchter, das Weihrauchfass und die kleine Kredenz neben dem Altar.
„Ich kann ministrieren. Ich sage das nicht, weil ich plötzlich eine religiöse Berufung entdeckt habe, sondern weil ich es in der Schule gelernt habe.“
Vittorio sah ihn an. Ein kurzes, beinahe warmes Lächeln ging über sein Gesicht.
„Dann dienen Sie, Herr Taylor. Heute Nacht hat niemand die Pflicht, nur Zuschauer zu sein, und vielleicht ist der Altar der einzige Ort, an dem Ihre Beobachtungsgabe zur Handlung wird. Sie werden die Kerzen halten, mir das Aspergill reichen und Herrn Bogdanow nicht daran hindern, den Weihrauch so anzufeuern, wie er es aus seiner orthodoxen Kirche kennt.“
Wolfgang trat zur Kredenz. Das Weihrauchfass lag dort, daneben Kohlen, Zange, ein kleines Gefäß mit Weihrauchkörnern. Er nahm die Kohle mit einer Selbstverständlichkeit, die nicht aus dieser Kapelle stammte, sondern aus dunkleren Kirchen, goldenen Ikonenwänden und dem schweren Atem orthodoxer Liturgie.
„Ich kenne eure römischen Regeln nicht gut genug, um zu behaupten, ich mache es richtig. Aber ich weiß, wie man Kohle zum Glühen bringt, ohne ein Haus in Brand zu setzen, und ich weiß, dass Weihrauch nicht Dekoration ist, sondern Rauch, der eine Grenze zieht. Wenn heute Nacht alles weggewischt wird, dann soll wenigstens der Rauch zeigen, dass hier etwas aufgestiegen ist.“
Vittorio nickte.
Er entzündete die Kerzen am Hauptaltar: zuerst die beiden hohen Leuchter neben Hippolyt, dann je eine Kerze an Magdalena und Sebastian. Justin hielt die Flamme, reichte, nahm zurück, bewegte sich überraschend ruhig. Nichts an ihm spottete. Nicht einmal Brians Nacktheit unter dem Kissen machte die Geste lächerlich, weil er sie nicht lächerlich machte.
Dann breitete Vittorio vor den Stufen des Hauptaltars ein schwarzes Tuch aus.
Es war schlicht, ohne Gold, ohne Wappen. Nur ein dunkles Rechteck auf dem Steinboden. Kein Sarg, kein Körper, kein Name darauf. Gerade deshalb wurde der Raum stiller. Das Tuch sagte nicht: Hier liegt Dane. Es sagte: Hier fehlt Dane.
Meghan sank zuerst auf die Knie.
Sie fiel fast, fing sich mit beiden Händen an der Bank, und Lito bewegte sich, aber Fiona hob nur die Hand. Lass sie. Meghan kniete auf der Magdalenenseite und sah nicht zum Altar, sondern auf das schwarze Tuch.
Justine kniete neben ihr, aber mit Abstand. Der Abstand war nicht Feindschaft und nicht Familiarität, nur Raum. Er war die Wahrheit dieses Abends.
Mary kniete langsamer. Fiona ebenso. Sun kniete zuletzt unter Magdalenas Blick, die Hände ruhig auf den Oberschenkeln, als kenne sie andere Formen des Totengedenkens und schwänge sich dennoch in diese ein, ohne sie zu verstehen.
Auf der Sebastiansseite knieten die Männer. Brian tat es ohne Kommentar. Justin sah ihn kurz an. Emmett kniete, als müsse er zuerst herausfinden, wohin mit Teppich, Händen und Schuld, fand dann aber eine Haltung, die rührend aufrichtig war. Wolfgang blieb eine Sekunde länger stehen, bis der Weihrauch Rauch gab, dann kniete auch er, nicht wie ein Katholik, aber wie ein Mensch, der weiß, dass ein Toter Gedächtnis verlangt.
Vittorio stand vor dem schwarzen Tuch.
„Wir halten Vigil für Dane Cleary, Sohn seiner Mutter, Bruder seiner Schwester, Enkel seiner Familie und Kind Gottes. Wir halten sie im Glauben an das ewige Leben.“
Meghan schloss die Augen.
Der Kardinal schlug das kleine Buch auf, das er aus der Sakristei geholt hatte. Es war ein vollständiges Totenoffizium. Er begann mit einem Kreuzzeichen, das Clearyfrauen sofort mitmachten und rezitierte drei Psalmen, an deren Ende die Clearyfrauen und Lito jeweils den Versikel anfügten, dass Gott Dane ewige Ruhe und ewiges Licht schenken möge. Er sah in den Raum, und sein Blick blieb nicht bei den Clearys.
Vittorio nickte Lito zu.
„Herr Rodriguez, Sie lesen die erste Lesung. Lesen Sie nicht als Schauspieler, sondern als Mann, der heute Nacht gelernt hat, dass Licht manchmal erst brauchbar wird, wenn niemand mehr gut aussieht. Lesen Sie für jene, die in Finsternis erwachen und nicht wissen, wer sie dorthin getragen hat.“
Der Kardinal segnete Lito mit einem lateinischen Spruch, dann trat Lito vor. Er nahm das Buch mit beiden Händen. Für einen Moment wirkte er nicht glamourös, nicht komisch, nicht schön, sondern einfach anwesend.
Er las aus Hiob, von einem Menschen, der im Dunkel sitzt und dennoch nicht ganz aufhört, nach dem Erlöser zu greifen. Er las langsam, ohne Theater.
Als er endete, antwortete Vittorio leise mit dem Responsorium. Die anderen folgten fester. Die Stimmen waren nicht schön. Sie waren müde, trocken, gebrochen. Gerade deshalb klangen sie wahr.
Vittorio sah zu Justin.
„Herr Taylor, Sie lesen die zweite Lesung. Sie sehen Bilder, und das ist heute Nacht gefährlich, aber auch notwendig, weil manche Menschen erst glauben, was sie vor sich sehen. Lesen Sie für Dane nicht als Symbol, nicht als Sohn eines Geheimnisses, sondern als junger Mann für einen jungen Mann.“
Justin trat nach vorn. Lito reichte ihm das Buch. Ihre Hände berührten sich kurz.
Justin las aus den Klageliedern, damit die Kapelle den Ton bekam: zerstörte Stadt, bittere Tränen, niemand, der tröstet, und doch ein Rest Hoffnung, der nicht aus Gefühl, sondern aus Beharrlichkeit kommt.
Justine hörte mit geschlossenen Augen zu. Neben ihr atmete Meghan unregelmäßig. Zwischen beiden lag kein Frieden, aber eine gemeinsame Richtung: zum schwarzen Tuch.
Vittorio nahm das Buch zurück, betete das zweite Responsorium und wandte sich an Sun.
„Mary, Sie lesen die dritte Lesung dieser Nocturn!“
Mary stand auf.
Sie trat nicht feierlich vor, sondern gerade. Ihre Bewegungen waren kontrolliert, doch nicht kalt. Unter dem Blick Magdalenas nahm sie das Buch.
Sie las aus dem Evangelium, von Maria Magdalena am Grab, die den Toten sucht und zuerst nur den Gärtner findet. Bei dem Wort „Frau, warum weinst du?“ hob Meghan den Kopf. Mary sah zur Seite. Fiona blieb sehr still. Justine öffnete die Augen.
Der Rauch stieg höher.
Vittorio sprach das dritte Responsorium. Dann gab Justin ihm das Aspergill. Das Weihwassergefäß stand neben dem schwarzen Tuch. Justin nahm es mit unerwarteter Sorgfalt, als wäre die kleinste nachlässige Bewegung heute Nacht eine Beleidigung gegen alle Toten. Vittorio besprengte und beräucherte das Tuch.
„Herr Honeycutt, Sie lesen. Sie haben heute mehr gesagt, als manche Ihnen zugetraut hätten, und Sie haben dabei mehr Würde gezeigt, als Ihr Teppich vermuten lässt. Lesen Sie für die Menschen, die peinlich, schuldig, zärtlich und trotzdem nicht verloren sind.“
Emmett stand auf. Emmett nahm das Buch, atmete ein und sah zum Sebastianaltar, als habe der durchbohrte Heilige ihm diskret Mut geliehen.
Er las aus dem Brief des Augustinus an Fausta.
Dann trat Wolfgang vor, nachdem Vittorio ihn durch einen Wink aufgefordert hatte. Er blieb auf der Sebastiansseite, aber nahe genug am Rauch.
Vittorio sah ihn lange an. Wolfgang bekam einen Predigtausschnnitt des Johannes Chrysostomos zu lesen. Danach deutete Vittorio auf das Rauchfass, mit dem er das Tuch beräucherte und es dann an Wolfgang zurückgab mit den Worten: „Räuchern Sie nach Ihrem Brauch! Tun Sie es so, wie Sie es können!“
Wolfgang erhob das Weihrauchfass.
Er schwang es anders als ein lateinischer Ministrant. Schwerer, tiefer, mit einer fast kreisenden Bewegung. Der Rauch legte sich über das schwarze Tuch, stieg zum Altar Hippolyts, zog nach links zu Magdalena, nach rechts zu Sebastian, als verbände er verbotene Liebe, verwundeten Leib und den Toten, für den kein Körper in dieser Kapelle lag.
Dann begann Vittorio das Libera zuerst allein.
„Libera me, Domine, de morte aeterna…“
Brian antwortete, überraschend sicher. Vielleicht aus Kindheit, vielleicht aus Trotz, vielleicht weil manche Dinge im Körper bleiben, auch wenn man sie jahrzehntelang nicht benutzt. Emmett fand die Linie nach ihm, leiser. Lito summte erst, dann folgte er. Sun sang nicht die lateinischen Worte, aber sie blieb in der Atembewegung des Gesangs. Wolfgangs Bass kam tief darunter, fremd gefärbt, aber tragend.
Auf der Magdalenenseite sang Mary mit einer Stimme, die alt war, aber nicht gebrochen. Fiona kannte alle Worte, fand jedoch einige Noten nicht exakt. Meghan sang kaum hörbar. Justine sang klarer, als sie erwartet hatte, und als der Fluch gegen den ewigen Tod fiel, dachte sie nicht an ihre Kindheit, sondern an Dane im Wasser.
Vittorio nahm das Aspergill von Justin erneut.
Er besprengte das schwarze Tuch. Einmal, zweimal, dreimal. Die Tropfen lagen kurz sichtbar auf dem Stoff, kleine matte Sterne auf Schwarz. Dann deutete er Wolfgang, und Wolfgang brachte den Rauch. Das Tuch wurde erneut inzensiert, als läge wirklich ein Leib darunter, als sei Abwesenheit in dieser Kapelle nicht weniger würdig als Gegenwart.
Vittorio betete.
„Gott, nimm Dane auf in dein Licht, weil du barmherziger und lebendig bist. Löse ihn aus seiner Schuld, führe ihn in die himmlischen Wohnungen und tröste, die hier um ihn trauern. Durch Christus, unseren Herrn.“
Meghan beugte den Kopf bis auf die Hände.
Justine blieb aufrecht, aber ihre Augen waren nass. Fiona bekreuzigte sich. Mary sah auf das schwarze Tuch, und für einen Moment war nicht zu erkennen, ob sie an Dane, Ralph, Carl oder ihre eigenen ungeborenen Kinder dachte.
Justin reichte Vittorio das Weihwassergefäß zurück. Seine Hand zitterte kaum sichtbar. Brian sah es und schwieg. Emmett sah es ebenfalls und tat so, als sähe er nur das Tuch. Das war vielleicht seine erste gute Tat nach dem gelben Zimmer.
Vittorio machte das Kreuzzeichen.
„Requiem aeternam dona ei, Domine. Et lux perpetua luceat ei. Requiescat in pace.“
„Amen“, sagten alle gleichzeitig.
Der Wind schlug draußen gegen die Tür.
Niemand bewegte sich sofort. Die Ordnung der Vigil hielt sie fest. In der Villa hatten Zimmer gelogen, Tische sich gebogen, Spuren sich verwischt. Hier gab ein schwarzes Tuch Dane eine Gegenwart, die er selbst als Lebender nie hatte.
Meghan öffnete die Augen. Sie sah auf das Tuch.
„Dane“, sagte sie nicht laut.
Justine hörte es trotzdem.
Diesmal klang der Name nicht wie ein Vorwurf gegen sie, sondern nur noch wie Sehnsucht nach einem Sohn und dessen Vater.
Und für einen kurzen Augenblick, während der Weihrauch unter Hippolyts gemalten Pferden hing, war Liturgie stärker als Chaos.


